Gemeinsam atmet man besser

Moers. 

 1995 hat Thomas Voshaar, Leiter des Lungenzentrums am Bethanien Krankenhaus ein Netzwerk für Menschen mit Asthma und Bronchitis gegründet. Heute gilt das Modell als Vorreiter. Kliniken in ganz Deutschland   haben es kopiert.

Die Phrase ist eigentlich abgedroschen, aber sie trifft einfach den Kern der Arbeit von Chefarzt Thomas Voshaar und seinem Team im Krankenhaus Bethanien: Hilfe zur Selbsthilfe. Und zwar für alle, die chronische Probleme mit ihrer Lunge haben, etwa Asthma, Bronchitis oder zerstörte Lungenbläschen. „Unser Ziel ist es, die Patienten auch weiter zu unterstützen, nachdem sie die Klinik verlassen haben – schließlich ist es auch unser Anliegen, dass sie nicht mehr ins Krankenhaus zurück müssen“, sagt Voshaar. „Wir wollen niemanden alleine lassen.“ Dazu hat der Mediziner vor 23 Jahren ein Selbsthilfe- Netz für Lungenkranke gegründet, das seitdem überall in der Republik auf Nachahmer gestoßen ist. „Man könnte fast sagen, es ist das Moerser Modell“, sagt der Lungenspezialist.

Und das funktioniert so: Wird jemand mit einer schweren chronischen Krankheit aus Voshaars Lungenzentrum an der Bethanienstraße entlassen, erhält er eine Einladung mit Infos zu dem Netzwerk. Er kann dann selbst entscheiden, an welchen Angeboten er teilnehmen will. Einige sind kostenlos, viele werden aber auch von den Krankenkassen bezuschusst. „Es gibt drei Säulen“, sagt Voshaar. „Die Basisschulung mit Infos zur Therapie außerhalb der Klinik, Vorträge zu Lungenkrankheiten und schließlich der aktive Teil mit Atemgymnastik und Lungensport.“ Derzeit sind etwas mehr als 100 ehemalige Patienten in der Gruppe aktiv.

Die Hilfe, die das Netzwerk leistet wäre ohne die Kooperationspartner, die in Moers die Kurse mitorganisieren, unter anderem die Ortsgruppe der Patientenliga Atemwegserkrankungen, Rehasportgruppen und Atemtherapie-Kurse. Eine der vielen Helfer ist Beate Wargalla, die als Atem- und Entspannungstherapeutin den Patienten Übungen zeigt, die den Alltag mit der Krankheit erleichtern. „Man sieht diesen Leuten ohne Weiteres nicht an, dass sie krank sind. Erst wenn sie sich bewegen, kommen die Symptome“, sagt Wargalla. Oft hätten die Betroffenen zu Beginn Zweifel am Erfolg, schließlich sei manchmal schon der Weg zum Badezimmer zu lang, zu anstrengend. „Wir zeigen ihnen, dass man mit etwas Ehrgeiz jeden Tag fünf Meter laufen kann und in ein paar Wochen dann vielleicht 50 oder mehr.“ Manche im Netzwerk stärke das Gruppengefühl sogar mehr, als die Übungen der Therapeutin. „Man gewinnt soviel Lebensqualität, wenn man sieht, dass man mit seiner Krankheit nicht allein ist.“

Eine Beobachtung, die auch Voshaar gemacht hat. „Einige haben vor jedem Schritt in der Öffentlichkeit Angst, weil sie sich vor einem Anfall fürchten. Die Folge ist Isolation.“ Es gebe Patienten, die das Haus nicht mehr verlassen, weil sie sich nur dort sicher fühlen. „Das passiert bei fast allen schweren Krankheiten.“ Für den Chefarzt war schon zu Beginn seiner Karriere klar, dass er dagegen etwas tun will. Oder besser gesagt: Die Patienten dazu bewegen, etwas zu tun. „Wir können den Leuten mit Medikamenten helfen, aber das ist nur die Voraussetzung, dass man sich selbst ein Stück weit helfen kann.“ Das dreistufige Modell, so sagt Voshaar, gilt heute in deutschen Lungenkliniken als Vorbild, viele haben es übernommen, einige aber auch eingestellt. Denn es erfordert Ehrenamtler – und davon gebe es noch zu wenig.

Quelle: RP vom 24.04.2018